Iphigenie wird am Schauspielhaus Hannover inszeniert

Welche Gelegenheit für DE1 und DE2 dieses Pflichtdrama fürs Abitur nun unmittelbar auf der Bühne erleben zu können! Am 16. Januar 2020 fuhren beide Kurse zu einer sehens- und diskussionswerten Inszenierung. Lest die Rezension von Janis Grosser und die weiteren Stimmen aus DE2.

Am 16. Januar besuchten alle Deutsch LKs des Jahrgangs 12 das Theaterstück „Iphigenie“, gespielt vom Ensemble des Niedersächsischen Staatstheaters Hannover unter der Regie von Anne Lenk. Dargestellt wurde eine Kombination aus „Iphigenie in Aulis“, welches ursprünglich Euripides zwischen 408 und 406 v.Chr. schrieb, und Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“. Das Stück zeigt die Geschichte der Iphigenie:

„Kein Wind, keine Welle. Das Meer liegt bewegungslos im Hafen von Aulis und hält die griechische Flotte am Ufer zurück. Diese wünscht sich nichts sehnlicher als endlich gen Troja zu segeln, die Stadt niederzubrennen und die entführte Helena heimzubringen. Doch Göttin Artemis verweigert ihren Segen für die Reise und damit dem Heer den Wind. Sie will ein Menschenopfer: das Kind des Heerführers Agamemnon, Iphigenie. Es klingt absurd. Ein Mädchen soll sterben, damit ein anderes heimgeholt werden kann. Demütigung und Schande wollen die Griechen überwinden im Sieg über die Barbaren, doch dieser wird auf dem Tod eines Kindes fußen. Wo endet die Zivilisation und übergibt sich selbst der Barbarei? Euripides‘ Männerfiguren sind längst in der Wildnis gestrandet, die keinen Schutzraum der Menschlichkeit kennt. Der unbedingte Siegeswille regiert. Also muss Iphigenie sterben. Sie gehört nicht sich, sondern dem Volk. Doch sie stirbt nicht. Von der Göttin Artemis vom Opferaltar gerettet, lebt sie bei den Taurern weit entfernt ihrer Heimat und krempelt die dortige Gesellschaft um. Wärme, Vernunft, Humanität scheinen möglich, bis es einmal mehr darum geht, wem Iphigenie gehört. Das Spiel beginnt erneut. Anne Lenk wird die Geschichte Iphigenies von der Opferung in Aulis bis hin zur Selbstermächtigung in Tauris inszenieren und eine Verbindung von Euripides‘ und Goethes Texten suchen. Die Normalität der Grausamkeit des Menschen ist ein immer wiederkehrendes Thema in Lenks Arbeiten. Dabei stellt sie diese nicht aus, sondern sucht analytisch und genau nach deren Zartheit und innerer Logik.“ 
(Vgl. https://www.staatstheater-hannover.de/de_DE/programm/iphigenie.1224775)
 
Während der Vorstellung ist insbesondere die bedeutende Rolle des Fluches wiederkehrend in den Vordergrund gerückt. Mit dem Leitsatz „Der Fluch ist der Motor“ wird verdeutlicht, dass der Glaube an eine mögliche Änderung wirklich etwas bewegen kann. So tut beispielsweise Klytämnestra alles in ihrer Macht stehende, um ihre Tochter Iphigenie vor dem Tod zu bewahren, in der Hoffnung, dass es noch eine andere Lösung gibt. Somit ist der Fluch als Motor für die Gestaltung des Lebens zu verstehen. Das Ziel ist es, das Außen zu verändern, etwas zu bewegen, initiativ zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Dies ist auch auf die heutige Zeit zu übertragen, in welcher die Menschen oftmals dem Schein der Ausweglosigkeit ausgesetzt sind und den Eindruck bekommen, nichts an ihrer Unzufriedenheit ändern zu können. Meiner Meinung nach hat dies einen sehr positiven Aspekt in dem Sinne, dass der Zuschauer zum Nachdenken angeregt wird und nicht nur als simpler Betrachter fungiert.
Ein großer Aspekt, der zu der für das Stück ausschlaggebenden Rolle des Fluches beiträgt, ist der Einfluss der Musik, hier unter der Leitung von Kostia Rapoport. Ein präsentes Beispiel hierfür ist das Parzenlied. Das Parzenlied erzählt die grausame Geschichte der Götter, wie sie sich an Tantalos rächen und einen Fluch, den Tantalidenfluch, über seine Familie legen. Als zentraler Teil der Handlung wurde dies in meinen Augen genial in Form eines Schlafliedes, begleitet von einer Spieluhr, in das Schauspiel eingebracht. Dies hat die Wirkung, dass Iphigenie und ihre Geschwister von Kindheit an lernen, die Götter zu fürchten und die Angst vor dem Fluch tief in sich zu tragen. Denn die Angst vor dem Fluch ist der Motor, der dem Stück seine Bedeutung verleiht.
Ich persönlich bin der Ansicht, dass die Inszenierung im Hinblick auf die moralischen Absichten der Handlung sehr gut gelungen ist und kann das Stück nur sehr empfehlen. (Janis Sophie Grosser)

Stimmen zur Aufführung

Zur Gesamtkonzeption
Das Theaterstück visualisiert deutlich, wie Iphigenie sich aus ihrer Opferrolle heraus begibt, indem sie Verantwortung übernimmt und mit Mut, Herzens- und Willenskraft, über den Weg der Ehrlichkeit, ihren Fluch, als Motor zur Gestaltung ihres Lebens nutzt und sich emanzipiert. Auch, wenn leider nicht alle Charaktere und Handlungsstränge auf die Bühne gebracht wurden, war es eine gelungene Inszenierung. Ausdrucksstark, durch überzeugende Schauspieler und einem modernen Bühnenbild, wurde uns eine neue, abstrakte Iphigenie präsentiert. (Lorena Vinke)

Bei der Theaterinterpretation ist mir insbesondere das relativ ausführliche Erzählen der Vorgeschichte bezügliche Erzählen der Vorgeschichte bezüglich Iphigenies Aufenthalt auf Tauris aufgefallen. Da diese bei Goethe vorausgesetzt wurde, ist es sinnvoll, die Fassung mit der von Euripides zu kombinieren. Wenn auch deshalb weniger Raum für Iphigenies Wirken auf Tauris bleibt und somit die Figuren des Pylades und Arkas weggelassen wurden, erleichtert der Einbezug der Vorgeschichte das Verständnis für den Zuschauer. Dennoch kommt für mich Goethes Hauptintention der Humanität zu kurz, da zwar Iphigenies Absage an die Menschenopfer deutlich zum Ausdruck kommt, es aber auf der anderen Seite am Ende auf mich gewirkt hat, als wäre Thoas nicht von der humanen Lösung des Konflikts überzeugt. (Marie Bischoff)

Das Theaterstück ist meiner Meinung nach zum größten Teil gelungen. Besonders gefallen hat mir das Bühnenbild. Die Szenenübergänge, die Zwischensequenzen und die guten Schauspielkünste der Darsteller. Eher wenig gefallen hat mir die einseitige Darstellung von Iphigenie, welche den Interpretationsfreiraum, den Goethe zuvor geschaffen hat, reduziert hat. Außerdem waren einige der Lieder überflüssig und hätten durch wichtigere Szenen oder Personen ersetzt werden können, die im Drama vorhanden sind. Das Theaterstück ist jedoch angemessen gestaltet und sicher ein gutes Stück für Leute, die gerne eine klare Geschichte vor Augen haben und sich ungern an ihrer eigenen Vorstellung bedienen. (Nora Lammerskitten)
 
Der Tantalidenfluch
Die Vorgeschichte und Einbettung des Dramas unter Einbeziehung des Fluchs kam mir Anfangs zu lang vor, weshalb ich eher unberührt und weniger hoffnungsvoll auf das Theater „Iphigenie auf Tauris“ wartete. Doch nach reichlicher Überlegung und unter Einbezug des Programmheftes erwies sich mir die Vorgeschichte und Hinführung zum Drama als sehr wichtig, da der Fluch, von dem anfangs die Rede war, der Hauptgrund der vielen Menschenopfer und der Morde generell in dem Drama „Iphigenie“ ist: „Der Fluch ist der Motor“. (Julia Frischen)
 
Die Hauptrolle - Iphigenie
Eine weitere Frage, die sich mir ergab war, weshalb Iphigenie zu Beginn eine junge, kindliche, jedoch beschiedene Frau war, welche in der zweiten Hälfte durch eine ältere, mit tiefer Stimme besetzten Frau ausgetauscht wurde. Anfangs störte mich dieser Gegensatz enorm, dennoch war es mir möglich, die Vorteile einer neu besetzten Rolle zu erkennen. Da Iphigenie nach ihrer Ankunft auf Tauris alleine war und sich somit selbst versorgen musste und Verantwortung übernahm, musste die junge Iphigenie weichen, weil sie diesem Druck nicht hätte standhalten können. Außerdem wurde ihre Entwicklung von der zerbrechlichen, geopferten Iphigenie zu einer selbstbestimmten, emanzipierten Figur somit viel genauer dargestellt und dem Zuschauer wurde es ermöglicht, diese Verwandlung auch visuell besser begreifen zu können. Wodurch ihre Rolle als Vorbild ebenfalls besser zur Geltung kam und sich tiefer in den Erinnerungen verankerte. Dieser Effekt war zu erkennen, da das Publikum im Nachhinein noch weiter darüber nachdachte und sich austauschte. (Julia Frischen)
 
Im zweiten Akt der Aufführung wird Iphigenies neu entwickelte Selbstbestimmung und Eigenverantwortung dargelegt, die von Willensstärke, Herzenskraft und Ehrlichkeit geprägt ist. Iphigenie, die Thoas zu humanem Handeln geleitet, entwickelt sich von Szene zu Szene. Diese Entwicklung wurde in der Aufführung besonders durch Iphigenies Haltung und Erscheinungsbild gelungen inszeniert. (Marie Franken)

Anfangs hat mir die stark kindische und naive Verhaltensweise Iphigenies nicht zugesagt. Sie hat sich, vor allem von ihrem Vater beeinflusst, scheinbar blind in die Opferung gestürzt. Jetzt ist mir jedoch klar, dass es den Darstellern des Stückes dadurch möglich war, viel besser und klarer zu zeigen, wie sie im zweiten Teil eine große Entwicklung durchläuft und trotz ihres angedeuteten Traumas über sich hinauswächst. (Alina Paul)

Beim Besprechen des Dramas im Unterricht erkannten wir, dass die Motive der Humanität und der inneren Zerrissenheit Iphigenies durchgehend in Goethes Drama präsent und somit sehr wichtig sind. Da Iphigenie im Theater aber sehr selbstbestimmt und impulsiv dargestellt wurde, kamen die Motive nicht gut zum Ausdruck, was ich schade finde, da sie für mich ein großer Bestandteil des Dramas sind. (Celina Linnemann)

Für mich ist Iphigenie eine zärtliche, liebe Frau in ihrer Zeit auf Tauris. Vor allem folgt sie im Handeln ihrem Herzen, was von Goethe sehr zentral dargestellt wird, das macht sie aus. In der Theateraufführung wirkte Iphigenie für mich allerdings sehr stumpf und trocken. Sie sprach nicht wirklich mit Emotionen. Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass der Regisseur eine andere, untypische Iphigenie sehen wollte. Ein weiterer Punkt war der fragwürdige Tempel im zweiten Teil, welcher eher wie ein Haus aussah. Allerdings wurde seine Funktion deutlich, als Iphigenies Eltern dort erschienen, um zu zeigen, dass sie noch an ihrer Vergangenheit hängt. Damit jedem Zuschauer ihre Vergangenheit überhaupt deutlich wird, zeigt sich diese im ersten Teil, welcher sehr gut gespielt wurde. Durch den merkwürdigen Tempel wird also eine Brücke zum ersten Teil gebaut, was meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist. (Alina Wilken)
 
Die weiteren Figuren
Zu Beginn der Aufführung war es für mich trotz des Vorwissens schwierig die Figuren Agamemnon und seinen Bruder zu identifizieren. Daher war es auch nicht leicht der Handlung zu folgen. Auch durch das Fehlen einiger Schlüsselszenen und der meiner Meinung nach für die Handlung wichtigen Personen Pylades und Arkas wurde das Verstehen der Handlung erschwert. Allerdings konnten die Darsteller dieses im weiteren Verlauf des Stückes gut lösen, sodass die wichtigsten Szenen leicht verständlich dargestellt wurden. (Celina Linnemann)
 
Das Parzenlied
In Goethes Drama kommt das Parzenlied zu einem späteren Zeitpunkt vor. Iphigenie wird dabei an ihre Kindheit erinnert. Dieser Aspekt der Erinnerung wird in der Theateraufführung nicht berücksichtigt. Hier singt Klytaemnestra, die Mutter von Iphigenie, Orest, ihrem Bruder, das Lied als Schlaflied vor. Meiner Meinung nach ist das Lied an der Stelle trotzdem gut gewählt, da man so besser nachvollziehen kann, wie die Kinder mit dem Lied in Berührung gekommen sind. Außerdem wird aufgrund des Textes vor allem die frühe Ehrfurcht gegenüber den Göttern klar. Auch anhand des Textes kann man die enge Verbundenheit bzw. die die Unausweichlichkeit des Tantalidenfluches erkennen. Das Lied ist musikalisch sehr geschickt mit einer Spieluhr unterlegt. Auch zu einem späteren Zeitpunkt, nachdem Iphigenie von Thoas ein Triptychon geschenkt bekommen hat, bleibt die Verbundenheit mit dem Fluch und der Familie bestehen, was eine andere Form der Erinnerung hervorruft. Das früh eingeschaltete Parzenlied trifft die Aussage gut. (Leonie Potts)

Ein Lied, dass die Grausamkeit sowie die Rachelust der Götter gegenüber Tantalos beschreibt. Dieses, dass die Macht der Götter vermittelt, wird als ein Schlaflied für Kinder überzeugend auf die Bühne gebracht, um die Ehrfurcht vor den Göttern aufrecht zu erhalten. Einschüchterung der Kinder vor den Göttern ist in der Aufführung durch die Hinzunahme einer Spieluhr und den Gebrauch einer märchenhaften Melodie begreiflich und glaubhaft erfolgt. (Marie Franken)
 
Zur Rolle der Musik
Meiner Meinung nach hat die Musik die Handlung an den richtigen Stellen unterstützt und in der einen oder anderen Situation sogar kurz unterbrochen, um dem Zuschauer gewissermaßen eine Gelegenheit zum Durchatmen zu bieten und das soeben gesehene noch einmal zu rekapitulieren. (Alina Paul)

Bilder: Produktion des Schauspiel Hannover / Iphigenie©Katrin Ribbe