Geburtstagsaustausch digital?! 
50. Austausch zwischen Melle (F) und Melle (D) 

Ein Interview mit Judith Huning (Klasse 11F1, Teilnehmerin am Frankreichaustausch) und Ricarda Muhle - (Französischlehrerin am Gymnasium Melle) zum 50. Jubiläum des Schüleraustauschs zwischen Melle (F) und Melle (D) - Wie konnte der Austausch dieses Jahr stattfinden?
 
Frage an Frau Muhle: Gab es dieses Jahr trotz Corona einen Austausch mit der Partnerschule in Frankreich?
Frau Muhle: Aufgrund der Pandemie fand in diesem Jahr auch der deutsch-französische Austausch etwas anders statt – nämlich digital. Der deutsch-französische Fernsehsender ARTE und das Deutsch-Französische Jugendwerk riefen im Herbst 2020 dazu auf, virtuelle Austauschprojekte über die Internetplattform Télé-Tandem zu machen.
 
Frage an Frau Muhle: Wie ist es dazu gekommen, solch ein Projekt zu starten?
Frau Muhle: Das Lycée Desfontaines in unserer französischen Partnerstadt Melle und das Gymnasium sind seit 50 Jahren freundschaftlich verbunden. Ingrid Lambert-Bordiec, Lehrerin für Geschichte und Erdkunde am Lycée Desfontaines entwickelte die Idee für einen digitalen Austausch. Meine Französischlerngruppe - die Klasse 11F1 des Gymnasiums und die Deutschlernenden am Lycée Desfontaines starteten im November 2020 auf der interaktiven Plattform Télé-tandem, um miteinander in Kontakt zu treten.
 
Frage an Judith Huning: Hattet ihr direkten Kontakt zueinander? Zum Beispiel durch Telefonieren oder Chatten?
Judith Huning: Um sich kennenzulernen haben wir von allen Schülerinnen und Schülern, die mitmachen wollten, Fotos gemacht, um uns bei den Austauschpartnerinnen und Partnern vorzustellen. Zu den Fotos haben alle deutschen Audioaufnahmen gemacht, in denen man sich beschrieben hat. Produziert wurde so ein erster Vorstellungsfilm der deutschen Seite. Die Franzosen schickten Namens- und Bilderrätsel, um sich vorzustellen. Man konnte über Télé-Tandem auch chatten, um Fragen zu beantworten oder in Kontakt zu treten. Dadurch, dass wir uns aber nicht sehen konnten, wurde es doch etwas unpersönlich.

Frage an Judith Huning: Gab es beim Austausch etwas, was euch besonders wichtig war und was euch viel Spaß gemacht hat? / Konnten Rituale von den vorherigen Austauschen weitergeführt werden und wenn ja, wie?
Judith Huning: Da bei einem Austausch die Musik eine wichtige Rolle spielt und auf Ausflügen eigentlich immer eine Musikbox läuft, mussten wir natürlich erfahren, welche Musik die Französinnen und Franzosen gerne hören. Auch wir haben unsere Lieblingslieder präsentiert. Damit man alle Lieder übersichtlich sammeln konnte, haben wir die Plattform „Padlet“ dafür genutzt. Jeder konnte darüber abstimmen, welches sein Lieblingslied in beiden Sprachen ist. Die Spitzenreiter der französischen Songs wurden Pookie und Cache Cache. Als deutscher Song machte „Das Leben ist `ne Party“ das Rennen. Gewählt hat immer die andere Nation, also die deutschen Schüler haben für die französischen Songs abgestimmt und anders herum.
 
Frage an Judith Huning: Wie habt ihr versucht die gemeinsamen Ausflüge umzusetzen? War doch sicherlich schwierig ohne direkten Kontakt?
Judith Huning: Da auch das Sightseeing ausfallen musste, haben die deutschen Meller Niedersachsen vorgestellt, indem wir auf der Télé-tandem- Plattform ein touristisches Alphabet für Städte und Sehenswürdigkeiten angelegt haben. Die französischen Meller haben ihre « région » in Form einer umfangreichen Power-PointPräsentation vorgestellt.
Frage an Judith Huning: Womit habt ihr euch hauptsächlich auseinandergesetzt und was habt ihr neu dazugelernt?
Judith Huning: Da das Hauptthema dieses Jahr der Umweltschutz war, haben wir uns darüber Gedanken gemacht, welche APPs es gibt, um nachhaltiger zu leben. Kleiderkreisel oder Ecosia sind vielleicht schon bekannt. Aber habt ihr schon mal was von „Too good to go“ gehört? Durch diese App kann man beim Bäcker zum Beispiel kurz vor Ladenschluss Kuchen oder Brot für einen geringeren Preis bekommen, damit diese nicht weggeschmissen werden. Frage an Judith: Wurde das nachhaltige Handeln auch auf das eigene Umfeld bezogen? Vielleicht sogar die eigene Schule? Um zu zeigen, dass auch das Gymnasium nachhaltig agiert, haben wir die AG der BEEologen vorgestellt und die Französinnen und Franzosen haben von einem Baumpflanzprojekt berichtet, bei der in der Region 1000 Bäume gepflanzt wurden, einige auch auf dem Schulgelände des Lycée Desfontaines.
Frage an Frau Muhle: Wie wurde euch technisch der Austausch ermöglicht ?
Frau Muhle: Der Projektpartner „ARTE“ ermöglichte es den Schülerinnen und Schüler auf die Bildungsplattform „Educ’Arte“ zuzugreifen. So konnten beide Gruppen die Dokumentation „NaturopolisNew York“ schauen und im Unterricht Ideen für nachhaltige Städte entwickeln. Frage an Judith: Was habt ihr gemacht, um den Austausch in Erinnerung zu behalten und was ist euer Endergebnis zum Thema Umwelt? Zum Abschluss des Projekts haben wir uns überlegt, wie der 100. Austausch 2071 aussehen könnte. Gemeinsam haben wir für die Bereiche „Mobilität, Ernährung, Umweltschutz“ Ideen entwickelt und eine zweisprachige Ideensammlung entwickelt. Aus diesen Ergebnissen haben wir einen Radiobeitrag auf Französisch und Deutsch erstellt. Hierfür haben sowohl die deutschen als auch die französischen Schüler Texte als Audiobeitrag aufgenommen und diese wurden dann aneinandergeschnitten, damit eine ganze Reportage entstand.
Klasse 11 F1 - Ricarda Muhle
 
Reaktionen der deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den digitalen Austausch:
- Dafür, dass ich letztes Jahr eigentlich nicht am Frankreich Austausch teilnehmen wollte, würde ich jetzt total gerne wissen, wer die anderen Schüler wirklich sind, mit denen wir die ganze Zeit gearbeitet haben. (Judith 11F1)
- Ich finde gut, dass man nochmal erwähnt hat, was man eigentlich gemeinsam bei diesen Austausch vorhatte und was man dann über Téle-Tandem als Liste für touristische Attraktionen angelegt hat. Leider kann der digitale Austausch den normalen Austausch, wie in den letzten Jahren zuvor ersetzen. Durch die Kommunikation über das Padlet oder Tele- Tandem konnten sich die Schüler gut verstehen und sich gegenseitig ihr Land und deren Leben, sowie Kultur besser kennengelernt. Gemeinsam haben wir das Beste aus der Situation gemacht. (Sara 11F1)
- Ich denke, dass ein digitaler Austausch leider nicht so viele Erfahrungen und Eindrücke mitbringt, wie es ein 'normaler' Austausch tun würde. Durch ausschließlich digitale Zusammenarbeit bleibt das Ganze relativ unpersönlich. Auch die Organisation und Kommunikation stellte manchmal kleine Probleme dar, meist aufgrund von Technik- oder Verständnisproblemen. Trotzdem finde ich, dass es im Gesamten betrachtet eine gute Alternative ist, an die man sich nur nicht schnell gewöhnen kann. Durch gemeinsame Arbeit haben alle versucht, das Bestmögliche aus dem zu machen, was uns zu dieser Zeit zur Verfügung stand. Es war interessant, sich über solche wichtigen Themen mit Menschen auszutauschen, die aus einem anderen Land kommen. (Anna 11F1)
- Auch wenn der Schüleraustausch dieses Jahr leider nicht wie gewohnt stattfinden konnte, finde ich, dass der virtuelle Austausch zwischen den beiden Partnerschulen eine gute Alternative war. Natürlich nimmt man online nicht so viel von der Sprache, der Region und den Austauschschülern wahr, wie es bei einem "normalen" Austausch der Fall wäre, jedoch hat es Spaß gemacht, an diesem Projekt teilzunehmen, wenn auch "nur" online. Gerade, weil es das 50. Jubiläum ist, finde ich es toll, dass es trotz der Distanz überhaupt zu dem Projekt gekommen ist und am Ende sogar noch Reportagen aus mehrwöchiger und gemeinsamer Arbeit entstanden sind. (Veronika 11F1)
- Der virtuelle Austausch war eine angenehme und informative Erfahrung. Ich fand mehr über die französische Kultur heraus und erweiterte mein Verständnis von Französisch als Ganzes. Ich fand die Audio-Reportage gut, wenn auch manchmal verwirrend. Alles in allem würde ich wieder an einem solchen Austausch teilnehmen. (Pavel 11F1)

Als Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit haben die deutschen Schülerinnen und Schüler insgesamt 9 deutsch-französische Podcasts erstellt, in denen sie ihre Vorstellungen für einen nachhaltigen Austausch 2071 vorstellen.
Hier die Links zu zwei Beispielen:
 https://anchor.fm/emily-peters4/episodes/Franzsisch-Bericht--Austausch-ev773r
 https://anchor.fm/anna-trippe/episodes/Austausch-Melle-D---Melle-F-ev6l8u