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„Du sollst leben!“ – Sally Perel erinnert und mahnt
Einer der letzten Zeitzeugen der Jahre 1933 bis 1945 laß am 15.05.2017 am Gymnasium Melle
1925 in Peine als Salomon Perel, als Deutscher mit jüdischer Religionszugehörigkeit geboren, heute als Staatsbürger in Israel lebend, ist der ehemalige „Hitlerjunge Salomon“ auch in diesem Jahr auf Lesereise in seinem Mutterland unterwegs und machte am Montag (15.05.) Station in Melle. Vor vollbesetzten Stuhlreihen im neuen Großen Foyer des Gymnasiums wandte sich Sally Perel mit sehr eindringlichen Worten an die heutige Jugend. Zum einen gelte es, die geschichtlichen Tatsachen der NS-Diktatur und ihrer Verbrechen nicht zu vergessen und immer wieder zu erinnern, zum anderen mahnte der Gast seine jungen Zuhörer eindringlich vor den heutigen rassistischen und antisemitischen Parolen, vor den frechen Kundgebungen von Neonazis, auf denen auch immer unverhohlener der Holocaust geleugnet werde.
Die Geschichte selbst sei die beste Lehrmeisterin, der Zeitzeuge der beste Geschichtslehrer; das Schicksal umfasse immer Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Somit lasse sich aus der Geschichte lernen, was es als Fehler und Verbrechen zu verhindern gelte. Neben diesem eher geschichtsphilosophischen Ansatz beeindruckte Perel vor allem durch die autobiographischen Zeitzeugenberichte, die sich an den Schicksalstagen der deutschen Geschichte orientierten und vom 30. Januar 1933 über die Nürnberger Rassegesetze von 1935 sowie die Kriegsauslösung am 1. September 1939 bis zum 8. Mai 1945 erstreckten.
„Versteckt unter der Haut des Feindes“ habe er als Josef („Jupp“) Perjell zu jeder Zeit in der Todesangst gelebt, entdeckt zu werden, als jüdischer Junge unter seinen erklärten Todfeinden, zunächst als deutsch-russischer Dolmetscher in Polen, ab 1941 bis 1945 als „Hitlerjunge“ an der Akademie für Jugendführung der Hitlerjugend in Braunschweig. Beeindruckend, weil klar und ehrlich, beschreibt Perel, wie das Gift der NS-Weltanschauung auch ihn erreicht habe und ihn zu einem überzeugten Sozialdarwinisten und Bewunderer der arischen Rasse habe werden lassen. Allein der Aspekt, dass das jüdische Volk in Gänze vernichtet werden sollte, war für den jungen Sally inakzeptabel, auch wenn ihn seine seelischen Zerreisproben immer wieder aufs Neue packten und schüttelten.
„Du sollst leben!“ – die Abschiedsworte seiner Mutter im Ghetto von Lodz, die Sally und seinen älteren Bruder aus der unmittelbar drohenden Verfolgung retten sollten, haben letztlich auch dazu geführt, dass einer der letzten Zeitzeugen jener Jahre auch noch im gesegneten Alter von 92 Jahren Jugendliche zwischen 15 und 18 ohne jede Art von medialer Aufbereitung und Begleitung, allein durch seine beeindruckenden Schilderungen und ergreifenden Worte, erreichen und nachdenklich in den normalen Schulunterricht zurück entlassen kann – ein ganz besonders nachklingender Geschichtsunterricht als Erinnerungsarbeit am Gymnasium Melle schloss nach mehr als 90 Minuten mit langem und dankbarem Applaus der Zuhörerinnen und Zuhörer. 
Ulrich Look